Abenteuerlust


Ich heisse Oscar und bin eine kleine Fellnase aus Maximiliansau. Meine Menschen sind immer sehr lieb zu mir und ich bekomme leckeres Futter und jede Menge Streicheleinheiten. Trotzdem liebe ich das Abenteuer und die Freiheit! Da meine Menschen eine Dachgeschosswohnung haben, erlaube ich mir manchmal kleine Ausflüge auf das Dach. Am liebsten sitze ich auf dem Schornstein und strecke meine Nase in den Wind. Das finden manche Menschen unten auf der Straße gefährlich, aber meine Menschen sagen, dass sie mich nicht einsperren möchten.

 

Doch neulich bin ich mit der Abenteuerlust zu weit gegangen. Die Menschen haben die Balkontür offen gelassen und ich habe es mir draußen in der Sonne gemütlich gemacht. Es war herrliches Wetter und die Vögelchen zwitscherten an allen Ecken. Ich liebe dieses Gezwitscher und bin dann immer ganz schrecklich aufgeregt. Leider dachte ich nicht weiter nach und wollte mal ausprobieren, wie sich die Vögelchen in meiner Nähe verhalten. Also bin ich vom Balkon meiner Menschen auf den Balkon darunter gesprungen. Ich hatte zwar etwas Angst, aber ich schaffte es. Von dort ist es nicht mehr weit in den Garten und nach langem Zögern sprang ich. Unten angekommen war ich erstmal fasziniert vom Gefühl der Grashalme unter meinen Tatzen. Es kitzelte und ich lief fröhlich durch den Garten. Wenn die Vögelchen mich sahen, nahmen sie leider sofort Reißaus…das fand ich schade. Aber ich bin mir auch nicht sicher, was ich mit ihnen anstellen wollte, wenn ich sie zu packen bekäme. Ein bisschen dran schnuppern vielleicht…. und stolz sein wie Oscar, wenn ich das Vögelchen meinen Menschen bringen würde. Aber stolz bin ich ja sowieso…schließlich heisse ich Oscar!

 

Ich saß gemütlich im hohen Gras….plötzlich ein Schrei! Im Garten daneben tauchte ein kleiner Mensch auf. Der sah zwar niedlich aus, aber er konnte irgendwie nicht leise sein. Vielleicht hatte das etwas mit seiner Größe zu tun, ich weiß es nicht. Aber ich mag es überhaupt nicht, wenn es laut ist. Das macht mir Angst und ich bekomme dann einen Schreck nach dem anderen. Der kleine Mensch spielte mit einem runden Ball und trat ihn mit seinen Füßen immer wieder gegen die Hauswand. Das knallte so laut, dass ich vor lauter Schreck das Weite suchte. Hinter dem Garten war eine Mauer und darunter eine Einfahrt in einen seltsamen Raum, wo die Menschen komische Dinger untergebracht hatten. Ich habe solche Dinger schön öfters gesehen, wenn ich aus dem Fenster geschaut hatte. Diese können sich ganz schnell bewegen und haben auf jeder Seite zwei schwarze runde Rollen, die sich ganz schnell drehen. Die Menschen sitzen in den Dingern und sausen durch die Straßen. Keine Ahnung, warum die das machen.

Chicco (l.) und Oscar (r.)

Na jedenfalls hatte ich solche Angst, dass ich mich schnell hinter so einem Ding verkroch, damit mich niemand sehen konnte. Ich wartete und wartete und langsam wurde mir klar, dass der Weg zurück zu meinen Menschen nicht möglich war. Irgendwann ging dann das Tor von dem Raum auf und ein fremder Mensch in so einem komischen Ding sauste in den Raum. Ich bekam schon wieder so einen Schreck, dass ich mich in einer anderen Ecken unter einem Berg Kartons versteckte. Mein Herz pochte wie wild. Ich hatte solche Angst! Wo waren meine Menschen?? Ich wollte zurück, aber wie nur?

 

In den Stunden darauf, in denen ich unter den Kartons saß und zitterte, hörte ich immer wieder in weiter Ferne meine Menschen nach mir rufen. Ich hätte zu gerne geantwortet, aber die Angst erstickte meine zarte Stimme. Ich hörte sie immer wieder nach mir rufen…die ganze Nacht suchten sie mich. Zu gerne wäre ich zu ihnen gelaufen, aber die Angst lähmte jeden Muskel in meinem Körper.

 

Ich wurde müde und irgendwann schlief ich immer wieder kurz ein. Der Morgen kam und die Vögelchen zwitscherten schon wieder, doch das alles interessierte mich nicht mehr. Ich wollte nur noch zu meinen Menschen. Endlich wieder sicher und beschützt in ihrer Nähe sein und gestreichelt werden, wenn ich lieb guckte.

 

Es war eine schier endlose Zeit… der Tag neigte sich dem Abend zu, als ich die Stimmen meiner Menschen erneut hörte. Aber nicht nur das: ich hörte, wie sie riefen: „Chicco, such den Oscar!“.

 

Chicco. Mein Gott. Das war die merkwürdige Fellnase, die nicht zu meiner Gattung gehörte und immer mit dem Schwanz wedelte. Ich hatte ihn immer gern geärgert, wenn er bei uns zu Besuch war, indem ich auf den Tisch sprang, wo er nicht hin durfte. Aus sicherer Entfernung genoß ich dann meine Überlegenheit und wenn ich Lust hatte, fegte ich mit meiner Tatze und ausgefahrenen Krallen in seine Richtung. Ich wollte ihm dabei nicht wirklich wehtun, aber er sollte schon wissen, wer hier der Chef ist!

 

Also hatten meine Menschen Chicco dabei. Und es dauerte nicht lange, da kamen ihre Stimmen immer näher. Einerseits hatte ich immer noch eine Heidenangst, aber ihre Stimmen gaben mir ein vertrautes Gefühl. Dann kamen sie in den Raum, wo ich mich in einer Ecke verkrochen hielt. Sie riefen und raschelten mit der Leckerli-Tüte. Doch ich traute mich einfach nicht, auch nur den geringsten Laut von mir zu geben.

 

Offenbar hatte Chicco ebenfalls eine gute Fellnase und an seiner Leine zog er die Menschen in meine Ecke. Jemand schob dann die Kartons über mir zur Seite und als sie mich dort sitzen sahen, freuten sie sich ohne Ende.

 

„Oscar…da ist er!“ riefen sie und ihre Gesichter sahen sehr erleichtert aus. Chicco kam mir etwas zu nahe und am liebsten hätte ich ihm gleich eine verpasst, aber auch ich freute mich zu sehr, meine Menschen endlich wiederzusehen. Sie schnappten mich und trugen mich zurück in mein Zuhause, wo ich mich erstmal erleichtert über mein Futter her machte. Offenbar hatten sie solche Angst um mich gehabt, dass sie sich nicht anders zu helfen wussten, als Chicco’s Nase für die Suche nach mir einzusetzen. Hat ja geklappt! Chicco war auch happy, denn die Menschen lobten ihn für seine feine Fellnase und seinen Gehorsam.

Bildquelle: Nadja Stöbener


Bericht vom: 04.06.2021

Autor: Nadja Stöbener